Von der Heldin Sonja und der visuellen Erinnerung an den (Frauen-)Widerstand

Von der Heldin Sonja und der visuellen Erinnerung an den (Frauen-)Widerstand

 

 

Der Film Landscape of Resistance (2021) schildert das turbulente Leben der Serbin Sonja während einer der düstersten Episoden des europäischen Kontinentes. Mit nicht einmal 18 Jahren schloss sie sich dem serbischen Widerstand gegen die deutsche Besatzungsmacht während dem zweiten Weltkrieg an. Als überzeugte Kommunistin sah sie sich jedoch ebenfalls in der Pflicht, für ein stärkeres Demokratieverständnis einzutreten und setzte sich hierbei insbesondere für ein Wahlrecht für serbische Frauen ein, wobei sie versuchte bei diesen ein Bewusstsein zu schaffen, warum deren politische Partizipation so wichtig sei. Gleichzeitig er- und überlebte Sonja die von den Nationalsozialisten begangenen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, wurde sie doch von diesen gefangen genommen und nach Ausschwitz deportiert. Doch auch dieser Ort des Schreckens schaffte es nicht, ihren Willen zu brechen, zettelte sie doch nicht nur einen erfolgreichen Aufstand an, sondern es gelang ihr sogar die Flucht. Diese unglaubliche Lebensgeschichte erzählt sie als betagte Dame ihrer Großnichte, welche ebenfalls die Drehbuchautorin war, vor einer Kamera. Aus diesem Bildmaterial schuf die Regisseurin, Marta Popidova, einen experimentellen historisch-biographischen Dokumentarfilm: Landscapes of Resistance. Der Film überzeugt nicht nur mit einer äußerst persönlichen und berührenden Schilderung, sondern eröffnet eine feminine Sicht auf die Ereignisse des zweiten Weltkrieges, welche normalerweise aus einer hauptsächlich männlichen Perspektive betrachtet werden. Dabei gelingt es dem Film eindrucksvoll ein Beispiel einer Heldin aus dem kollektiven Gedächtnis festzuhalten und gleichzeitig die Rolle und den Einfluss von Frauen, welche in der Geschichtsschreibung noch häufig heruntergespielt und marginalisiert werden, zu betonen.
Marta Popidova (1982) ist eine Filmregisseurin, Content Creator, Forscherin und feministische Aktivistin aus Serbien, deren Filme bereits auf der 63sten Berlinale aufgeführt wurden und nun sogar Bestandteil der permanenten Sammlung im Museum of Modern Art (MoMa) in New York sind. Die junge Künstlerin engagiert sich für den politischen Kampf gegen Diktaturen und Totalitarismen und setzt sich insbesondere damit auseinander, wie sich dieser im Alltag äußert. Diese Grundeinstellung zieht sich durch den Film Landscape of Resistance und wird durch das Einnehmen dieser neuen, femininen Perspektive auf die zeitgenössische Geschichte Serbiens sehr gut veranschaulicht. Um neue Aspekte zu der (Herren-) Geschichte hinzuzufügen, greift Popidova auf Sonja als eine Symbolfigur für Mut, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung zurück, welche mit Recht als Vorbild für Emanzipation von Frauen gelten kann. Die Großaufnahmen der Protagonistin selbst werden sparsam, aber dadurch umso wirkungsvoller eingesetzt. Während des Interviews mit ihrer Großnichte werden mithilfe von Ausschnitten Details von Sonjas Wohnung, ihrer Katze und auch von Sonjas Körper gezeigt, womit die Aufmerksamkeit auf normalerweise vernachlässigte Aspekte gelenkt wird, wobei dem Publikum neue und versteckte Perspektiven nähergebracht werden.

Mithilfe der innovativen Nutzung des Kontrastes zwischen Detail und Supertotale in den Aufnahmen gelingt es der Regisseurin die Spannung zwischen den individuellen und kollektiven Körpern greifbar zu machen, wobei auch die temporale Komponente betont wird. Die Darstellung von Sonjas Figur und den gezeigten Orten der Geschichte erlaubt es, ihre Erzählung so hautnah erlebbar wie möglich zu machen, auch wenn das Erlebte der Protagonisten teilweise wie Fiktion anmutet. Die Landschaften werden durch kubistische Abbildungen überlappt, welche eine Parallele zur Kunst aus der Zeit Sonjas erzeugen und es somit schaffen, diese Örtlichkeiten des Widerstands, trotz deren Verwandlung durch die Zeit, vor dem Vergessen zu bewahren.
Dem Dokumentarfilm gelingt es, die Erzählung einer Heldin darzustellen und diese mit den Ansätzen Walter Benjamins zu verknüpfen, wobei die Abweichungen zu der offiziellen Geschichtsschreibung mithilfe der Visualisierung von Denkmälern dargestellt wird. Hierbei schafft es Marta Popidova auch, elegant eine Brücke zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart zu bauen. Weiter weckt der Film die Neugier auf weitere, noch nicht erzählte Geschichten aus der Vergangenheit, welche das politische Selbstverständnis und Bewusstsein bis heute prägen.
Der Film Landscape of Resistance schafft es mithilfe des Beispiels von Sonja die vielen kleinen Helden und Heldinnen sichtbar zu machen, welche zwar für jeden erfolgreichen Widerstand gegen ein Regime bitter nötig sind, für gewöhnlich jedoch in den Chroniken der Geschichte einfach übersehen werden.

Eleonora Bonazzi